Soshisha
Das Zentrum für die Minamatakrankheit
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2. Sasaki Kiyoto: Der Ausgangspunkt ist der Tod meines Vaters

Der Ausbruch der Krankheit bei meinem Vater, wie wir ihn pflegten und wie er schließlich starb

Es ging eine ganze Weile so weiter: Vater kam immer mal ins Krankenhaus, dann wurde er wieder entlassen und jedes Mal fuhr ich nach Hause, was auf die Dauer sehr beschwerlich wurde. Anfangs hatte er nur Mühe, zu sprechen, aber nach und nach kamen immer mehr Probleme hinzu. Mein Vater konnte schließlich seinen Mund kaum noch öffnen und seine Essstäbchen nicht mehr halten, was die Nahrungsaufnahme nahezu unmöglich machte. Tag für Tag kam mir der Gedanke, was wäre, wenn es noch schlimmer werden würde, oder was, wenn es mich auch treffen würde? 1978 brach mein Vater dann plötzlich zusammen und wurde ins Krankenhaus von Ashikita eingeliefert. Dann ging es auch meiner Mutter plötzlich schlechter und auch sie kam ins Krankenhaus. Ich arbeitete immer noch in der Fabrik bei Hachiman, pendelte jetzt aber einmal in der Woche, um mich um die Krankenpflege zu kümmern. "Warum ist das nur alles so schlimm?", dachte ich bei mir. "Was wäre nur, wenn ich einen Autounfall haben würde? Das ginge gar nicht..."

Schließlich erklärte man mir, dass man wohl nichts mehr für Vater tun könnte - welch ein Leid für unsere Familie! Ich habe wirklich den schlimmsten Punkt im Leben eines Menschen gesehen!

Nun bin ich schon öfter hier auf diesem Treffen gewesen, aber über meinen Vater habe ich bislang kaum gesprochen. Sein Zustand war wirklich fürchterlich. Bei Ausbruch der Krankheit dachte ich nur: "Oh nein, das wird doch nicht etwa die Minamatakrankheit sein? Was sollen wir denn jetzt machen?"

Ich habe selber etwa 120 Tage lang im Krankenzimmer meines Vaters verbracht und versucht, ihn zu pflegen. Niemand weiß genau, wie viele Tage es waren, aber es müssen sicherlich über 100 gewesen sein! Eigentlich wollte ich gar nicht so detailliert über das Elend und diese Schmerzen sprechen.

Er starb eines qualvollen Todes und sein Krankheitszustand war zuletzt überaus schlimm. Unerhörterweise kamen die Massenmedien bis zu seinem Krankenzimmer und fragten mich, ob sie nicht ein Foto machen dürften. Ich lehnte dies stets ab, aber dann dachte ich mir, dass ich doch einwilligen sollte, um den nachfolgenden Generationen ein Bild von der Minamatakrankheit vermitteln zu können. Schließlich ließ ich also notgedrungen ein Foto zu. Dieses Foto habe ich meinen Töchtern mehrere Jahre lang nicht zeigen wollen, aber hier werde ich es Ihnen zeigen, so wie ich es bereits dem Regisseur Tsuchimoto gezeigt habe, als dieser mich zu Hause besucht hatte.

Wie sich der Zustand meines Vaters veränderte, ist schnell erzählt. Nach seinem Kollaps im November vergingen etwa 20 Tage, auf jeden Fall war kein Monat vergangen. Eines Abends bekam er plötzlich Krämpfe und gebärdete sich auf dem Bett wie wild. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte, er hatte Schaum vorm Mund und verlor dann das Bewusstsein. Gleichzeitig erstarrte sein Körper, beide Arme und Beine waren nach oben gestreckt, er wand sich in Krämpfen und wäre fast aus dem Bett gefallen.

Mein Vater war nicht gerade klein, er war sogar ziemlich groß, sogar größer als ich. Dieser Körper war für eine Frau (Krankenschwester) sicher zu schwer und so brauchte es schon einen Mann, um den erstarrten Körper niederdrücken zu können. Deshalb haben meine Frau und ich uns gemeinsam um ihn gekümmert. Da meine Frau allerdings auch in der Fabrik in Hachiman arbeitete, musste sie nach etwa 10 Tagen wieder dorthin zurückkehren. Bei mir war das natürlich genauso und so wechselten wir uns schließlich ab. Leider verschlechterte sich der Zustand meines Vaters von Tag zu Tag, er war bewusstlos, konnte natürlich nichts essen, war völlig hilflos und bekam Infusionen. Aber obwohl er am Tropf hing, wurde er von Krämpfen geschüttelt und musste deshalb ans Bett gebunden werden. Wenn man ihm das Kopfkissen wegnahm, verharrte sein Kopf in der gleichen Lage, sosehr verkrampft war er und lag mit grässlichem Blick vor einem. In dieser Situation konnte auch ich abends kaum einschlafen und da ich mit Leib und Seele mit der Krankenpflege beschäftigt war, war ich irgendwann völlig erschöpft.

Nach etwa 40 oder 50 Tagen geschah eines Abends Folgendes: Ich war gerade ein wenig eingeschlafen, als ich plötzlich wieder aufwachte. Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich normalerweise als erstes meinen Vater, so auch dieses mal. Aber als ich zu ihm hinsah, bemerkte ich, dass die Hälfte seines Körpers von den Schultern ab blutverschmiert, und das ganze Bett rot vor Blut war. "Was ist passiert? Was soll ich nur tun?", waren wohl die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Anscheinend konnte er sich doch ein wenig bewegen und hatte sich immerfort mit der rechten Hand die Haut bis zur linken Schulter hoch, aufgekratzt, obwohl er einen Yukata (= Jap. Sommer- aber auch Schlafgewand, Anm. d. Ü.) trug. Er hatte nicht nur diesen zerrissen, sondern auch seine Haut, bis Fleisch und Knochen zum Vorschein kamen. Da er die ganze Zeit über bewusstlos war, hatte er von alledem nichts mitbekommen. Ich muss zugeben, dass mir schwindelig wurde, als ich das gesehen hatte.

Selbstverständlich alarmierte ich sofort die Krankenschwester und die Ärzte, die ihn auch sofort behandelten, aber viel mehr als erste Hilfe konnten sie nicht leisten, da sie nicht wussten, was ihm genau fehlte. "Wann hat es ein Ende?" dachte ich, als es schließlich Januar 1979 wurde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es sehr kalt war und sogar geschneit hatte.

Ich kaufte die dicksten Socken zum Schutz gegen die Kälte und wickelte sie ihm um die rechte Hand. "So, jetzt kann wohl nichts mehr passieren", dachte ich, aber eines Abends hatte er sogar diese Socken zerrissen und sich bis aufs Blut aufgekratzt. Dies ging immer so weiter.

Da ich keinen anderen Ausweg mehr wusste, fasste ich mir schließlich ein Herz und fesselte Arme und Beine mit einer Schnur ans Bett. Dennoch waren Arme und Beine weiter nach oben gestreckt. Mittlerweile kann ich hier mit Ihnen darüber sprechen, aber glauben Sie mir, wenn Sie dabei gewesen wären wüssten Sie, dass ich damals nicht darüber hätte reden können.

Das Leiden zog sich über rund 120 Tage so hin, tagsüber ließ ich mich ab und zu mal in der Firma blicken, abends pflegte ich meinen Vater. Ich glaube, es dauerte wohl ungefähr 2 Monate.

Die Krankenschwester kam eines Tages zu mir und meinte, dass sie Leute von Chisso gesehen hätte. "Was wollen die denn hier?", dachte ich. Damals wusste ich es noch nicht so genau, aber es gab wohl 3 Kategorien von anerkannten Patienten, nämlich A, B und C. Mein Vater war "C-Patient" und sollte wohl, ob seines schlechten Zustandes, in B oder A eingestuft werden. Die Krankenschwester sagte mir, dass die Chissoleute sich über den Zustand meines Vaters vergewissern wollten, ehe sie eine Änderung der Kategorie vornehmen könnten. "Was reden Sie noch, los, gehen Sie nach oben und sehen Sie selbst", hätte sie ihnen erklärt. So kamen diese Leute also in das Krankenzimmer meines Vaters. Als sie meinen Vater mit seinen nach oben gereckten Gliedmaßen leiden sahen, änderte sich ihre Gesichtsfarbe augenblicklich, sie murmelten nur noch schnell "Gute Besserung" und verließen fluchtartig das Zimmer. Ich fragte sie, während ich gerade mein Essen kaute: "Warum seid Ihr hergekommen? Wollt Ihr ihn wirklich neu einstufen? Welche Kategorie darf es denn für meinen Vater sein?" Ich kann mich noch gut daran erinnern. Gerne hätte ich denen noch mehr gesagt, aber es kam nicht mehr dazu. So konnte ich ihnen nur noch: "Was, Ihr wollt schon abhauen?" hinterher rufen, als sie bereits die Flucht ergriffen hatten.

Am 4. März 1979 starb mein Vater schließlich, etwa 4 Monate nach Ausbruch der Krankheit. Er litt mehr als 100 Tage lang. Meine Eltern hatten vorher zu zweit in ihrem Haus gewohnt, aber da meine Geschwister mittlerweile alle ausgezogen waren, war Mutter nun ganz alleine.

Notgedrungen kündigten meine Frau und ich unsere Jobs und zogen nach Messhima, über 19 Jahre, nachdem wir es verlassen hatten. Nach unserem Umzug wollten wir eigentlich nicht mehr hierher zurückkehren, aber nun verlangte es die Situation, dass wir nun doch wieder nach Hause zogen. "So, nun bin ich wohl dran", dachte ich in dem Augenblick, als mein Vater auf diese Art und Weise sterben, und ich den Job bei der Firma kündigen musste und ich mir nun Sorgen machte, wie es denn weiter gehen sollte. Wie ich ja schon gesagt habe, hatte ich mir einst geschworen, "kein Interesse mehr an der Minamatakrankheit zu haben und sie zu vergessen", aber dann wurde mein Vater so krank und ich pflegte ihn bis zu seinem Tod. Meine Meinung hat sich deshalb, wo ich dies mit eigenen Augen mit ansehen musste, geändert.

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